Inhalt: Zitate zur Sozialen
Frage
ein
ehemaliger Handwerksgeselle erzählt (1837)
- "War mir aber doch neu
und bisher nit unterlaufen, dass ich nit beim Meister ... wohnen
sollte. Ist überhaupt eine Fabrik ... anders als in einem
meisterischen Hause und kein Zusammenhalt nit unter den Gesellen.
Läuft jeder seinen Weg und dreht sich nit viel nach dem anderen
... Zudem gefällt mir das Arbeiten nit, dieweil jeder den langen
Tag die gleiche Arbeit verrichten muss und dabei das Ganze aus den
Augen verliert. Muss wohl in einer Fabrik solcherweise geschehen, kann
mich aber nit darein schicken und mein immer, ich triebe mein Gewerbe
nur halb... Wegen meiner Arbeit, die ich mit allem Fleiss tat,
verlachten mich meine Mitgesellen und redeten einher, als wär es
gerad recht, soviel wie möglich zu faulenzen. Der Pollak sei ein
Reicher und zahle schlecht genug."
Verelendung
- "Der Weber Fischer ist
42 Jahre alt ... Fischer hat sich als Webergeselle schon weit
umhergetrieben. Gegen das Ende des vorigen Jahres fehlte es ihm 17
Wochen an Arbeit. Er blieb im Familienhause 8 Taler Miete schuldig,
reiste nach Hamburg, fand daselbst auch nichts zu tun, kam krank nach
Berlin zurück und wurde ins Krankenhaus gebracht. Als er wieder
gesund war, fehlte es ihm an Obdach, die Polizei brachte ihn mit seinr
ganzen Familie ins Arbeitshaus, wo er 15 Wochen, getrennt von Frau und
Kindern, als Gefangener lebte neben Verbrechern aller Art ... Endlich
entliess man ihn mit 4 Talern Unterstützung. Von diesen
bezahlte er 3 Taler an die Mietschuld. Er wäre abermals ohne
Arbeit, wenn ihm nicht der arme Nachbar Sigmund gestern 30 Ellen Zettel
(Längsfaden des Gewebes) abgeschnitten hätte, an welchen in
14 Tagen 3 Taler Weberlohn zu verdienen sind. Auf zwei Wochen ist die
Existenz der Familie gesichert. Es ist aber vorauszusehen, dass sie
binnen kurzer ZEit wieder ins Arbeitshaus gebracht werden muss."
"Versklavung"
- "Das Fabrikwesen
erzeugt eine Hörigkeit neuer Art. Der Fabrikarbeiter ist der
Leibeigene seines Brotherren, der ihn als nutzbringendes Werkzeug
verbraucht und abgenutzt wegwirft ... er ist [auch] der Leibeigene der
Maschine, die Zubehörde einer Sache."
Frauen als
Schwerarbeiter
- "Auf die Frage, warum
Frauen als Schlepper bevorzugt werden, gab der Grubenarbeiter Peter
Gaskell folgende Antwort: 'Ja, sind fügsamer und halten sich
besser an die Zeiten. Oft schreien sie und kämpfen sie, aber sie
lassen sich beim Schleppen der Kohlen von niemandem überholen.'
Mr. Miller, ein Unternehmer, antwortete: 'Ein Grund, weshalb Frauen als
Schlepper in den Kohlenbergwerken bevorzugt werden, ist, dass ein
Mädchen von zwanzig für zwei Schilling am Tag oder weniger
arbeitet, während ein Mann im gleichen Alter drei Schilling 6d
verlangt.'"
Kinderarbeit
- "[um] 2, 3, 4 Uhr
morgens werden Kinder von 9 bis 10 Jahren schmutzigen Betten entrissen
und gezwungen, für die nackte Existenz bis 10, 11, 12 Uhr nachts
zu arbeiten, während ihre Glieder und ihr menschliches Wesen ganz
und gar in einer Art Lethargie zu Stein erstarrt, deren blosser
Anblick grausig ist."
- "Die Anlage der Fabrik
ist der Stadt Ratingen und dem ganzen Amt von Nutzen, indem eine Menge
armer Einwohner und kleinerer Kinder von 6 bis 10 Jahren, welche nun
gar zu häufig dem Müssiggang und Betteln nachgehen, ihren
täglichen Unterhalt verdienen und dadurch von Jugend an zu Arbeit
und Fleiss angehalten werden."
- "Die
Nachlässigkeit, womit die Kinder der Fabrik-Arbeiter in ihren
ersten Lebensjahren behandelt werden mögen, kann nicht
grösser seyn, als die schreckliche Verwahrlosung, welche in
Gegenden ländlicher Überbevölkerung Kinder von Eltern
erfahren, denen ... [es] an Mitteln fehlt ... Bei dem kleinen
Grundbesitze der Eltern ... müssen sie Sommers mühselig
Futter für Vieh an Strassen und Hecken, Winters Brennmaterial in
Feld und Wald sammeln ... Noch unerwachsen müssen Knaben in
Weingegenden Butten voll Erde den Berg hinan, ... in unmässigen
Ladungen, kleine Mädchen schon Futterbündel und andere
Lasten schleppen, und häufig zeigen ein verkrüppelter
Körperbau ... die ... Folgen einer solchen ... Anstrengung. Dabei
schlechte und unreinliche Kleidung, oft kaum mehr als Lumpen,
häufig keine Fussbedeckung, schlechte Nahrung und schlechte
Betten ... Mögen die Kinder von Fabrik-Arbeitern vielleicht ein
paar Jahre früher und zu einer einförmigeren Arbeit
angehalten werden, immer werden sie weniger zu beklagen seyn."
Verbot der
Kinderarbeit - Gefahr für Wettbewerbsfähigkeit!
- "Die von Ihnen scharf
beurteilten Fabrikanlagen, welche Kinder beschäftigen, rufen den
... Jammer nicht hervor, sondern mildern den bereits vorhandenen. Eine
Überbevölkerung, die der Acker nicht mehr zu
beschäftigen weiss, strömt den Anstalten zu, wo Arbeit, wo
Brot zu erwerben ist ... Sie beschimpfen, worum uns unsere
östlichen Landsleute mit Recht beneiden. ...
Ich pflichte Ihnen, meine Herren, vollkommen bei, dass die armen Kinder
... unter den Schutz milder Gesetze gestellt werden, jedoch dürfen
diese keine so grossen Beschränkungen erhalten ... dass dadurch
der Bestand unserer Industrieanlagen wegen der Konkurrenz des
Auslandes unmöglich gemacht wird."