Der Verschwörungstheoretiker hat immer Recht… – Wie Verschwörungstheorien funktionieren

Das Vorgehen von Verschwörungstheoretikern – wie auch vieler „Pseudowissenschaftler“ – ist meist zweistufig. In einem ersten Schritt werden Zweifel an der „offiziellen“ Version geschürt. Beispielsweise mittels pseudowissenschaftlicher Argumenten soll die Unmöglichkeit der „offiziellen“ Version „bewiesen“ werden. Dieses Vorgehen findet sich bei fast allen Verschwörungstheorien (z.B. 11. September), aber auch beim Kreationismus (die Evolutionstheorie kann unmöglich wahr sein), in der Esoterik (das wissenschaftliche Weltbild kann unmöglich wahr sein) oder manchen Philosophien (der Materialismus kann unmöglich wahr sein).
Nun könnte es bei jedem dieser vier Beispiele durchaus sein, dass die „offizielle“, von „der“ Regierung oder der Wissenschaft vertretene Position falsch ist. Während diese Wahrscheinlichkeit beim Kreationismus gleich null ist, ist es durchaus anzunehmen, dass manche Verlautbarungen nach dem 11. September nicht ganz korrekt sind, ist das wissenschaftliche Weltbild noch unvollständig, der Materialismus stark umstritten. In allen Fällen finden sich aber vergleichbare Argumentationsmechanismen, die damit beginnen, dass gezeigt werden soll, dass die „offizielle“ Version unmöglich wahr sein könne. Um dieses Ziel zu erreichen werden geschickt rhetorische Tricks verwendet, wird auf scheinbare (aber meist nicht tatsächliche) Unmöglichkeiten hingewiesen, werden Fragen aufgeworfen, die scheinbar (aber eben meist nicht tatsächlich) unbeantwortbar sind. 

Ist das Ziel erreicht, dass der Gesprächspartner zumindest vage Zweifel an der „offiziellen“ Version entwickelt hat, wird als zweiter Schritt die „eigene“ Version formuliert. Denn kann die „offizielle“ Version nicht stimmen, dann hätte es auch anders sein können. Und die „eigene“ alternative Version wird nun ausgebreitet. Auch hier geht es weniger darum gültige Argumente zu verwenden, als den Gesprächspartner zu überzeugen. Es werden gerne pseudowissenschaftliche Argumente und Halbwahrheiten verwendet, rhetorische Tricks bemüht, Unstimmigkeiten der eigenen Theorie ignoriert. Es wird der Eindruck erweckt, dass die Falschheit der „offiziellen“ Version bedeute, dass die „eigene“ Version wahr sein müsse. 

Beispiel Kreationismus

Besonders eindrücklich findet man diese Vorgehensweise bei Kreationisten, die eigentlich nicht zu den Verschwörungstheoretikern gezählt werden. Kreationisten haben hunderte mehr oder meistens weniger gute Argumente gegen die Evolutionstheorie entwickelt und gesucht, die beweisen sollten, dass die Evolutionstheorie nicht stimmen könne. Ziel dieses Vorgehen ist es einzig, dass einige Argumente „verfangen“ und der Gesprächspartner an der Tatsache der Evolution zu zweifeln beginnt. Ist dieses Ziel erreicht wird die „zweite Stufe“ gezündet: nun werden Argumente vorgebracht, die angeblich für den Kreationismus sprechen. Ignoriert wird dabei, dass die Falschheit der Evolutionstheorie keineswegs implizieren würde, dass der Kreationismus wahr wäre. Dieser ist längst nur schon dadurch widerlegt, dass nicht alle „durch die Nase atmenden Tiere“ auf der Arche Noah Platz gehabt hätten. Allerdings sind Kreationismus und Evolutionstheorie nicht vereinbar und da die Evolutionstheorie eine besonders überzeugende Theorie ist, wird diese „offizielle“ Theorie besonders angefeindet.

 
Dieses zweistufige Vorgehen ist äusserst wirkungsmächtig. Denn psychologisch ist zentral, dass zuerst gezeigt werden kann, dass die „offizielle“ Theorie unmöglich ist. Es müssen so lange Zweifel gesät werden, bis der Kontrahent von der Unmöglichkeit der „offiziellen“ Theorie überzeugt ist oder zumindest bezweifelt, dass die „offizielle“ Theorie der ganzen Wahrheit entspricht. Ist einmal akzeptiert, dass eine Theorie unmöglich stimmen kann („es kann unmöglich so sein“), dann kann man auch erstaunlich absurde Alternativen vortragen und sie werden oft ohne Umschweife geglaubt. Da die „offizielle“ Version nicht stimmen kann, wäre es zumindest möglich, dass die alternative Möglichkeit stimmt. An diese sind zudem weniger hohe Ansprüche gerichtet, da es sich ja im Gegensatz zur „offiziellen“ Version nur um „Spekulationen“ handelt, die aber angeblich allemal besser sind als die „offizielle“ Version, die ja eben unmöglich wahr sein kann. Wird also ein Gegenargument gegen die Verschwörungstheorie vorgebracht, führt dies nicht zum Zweifel an der Verschwörungstheorie, sondern nur dazu, dass diese angepasst werden muss. Tut man dies lange genug, wird man schon irgendwann recht haben…

Der Skeptiker im Verschwörungstheoretiker wird also zumindest aus seiner Sicht fast gezwungenermassen recht erhalten. Er fühlt sich fast in jedem Moment in seiner Skepsis gegenüber den „Mächtigen“ (der Wissenschaft, „der“ Regierung) bestätigt und kann auch andere Menschen relativ leicht beeinflussen. Beides dient dem Selbstwert des Verschwörungstheoretikers. Er ist so „intelligent“, dass er eingesehen hat, dass „es nicht so sein kann“. Er ist so kritisch, dass er eben nicht einfach alles glaubt. Er gehört zu einer Minderheit, welche den Durchblick hat und er ist auch fähig, sich Alternativen zur „offiziellen“ Version vorzustellen. Er ist kein „Schaf“, das einfach alles frisst, was man ihm vorsetzt, sondern er denkt selber nach. Und in der Tat gibt es natürlich Dinge, die nur schwer erklärbar sind und Ereignisse, welche wirklich kaum „normal“ erklärt werden können. Deshalb ist es auch derart zentral, dass dabei ein wissenschaftlich korrektes Verfahren verwendet wird. 

Beispiel John F. Kennedy

John F. Kennedy soll gemäss der „offiziellen“ Version von einem Einzeltäter (Lee Harvey Oswald) erschossen worden sein, der dann selbst von einem angeblichen Einzeltäter (Jack Ruby) erschossen wurde. Liest man zudem Aussagen von Jack Ruby, also dem Mörder von Lee Harvey Oswald, der der Mörder von John F. Kennedy gewesen sein soll, dann scheint es sich bei Oswald wirklich nicht um einen Einzeltäter gehandelt haben zu können. Kann etwas aber nicht so sein (oder scheint nicht so sein zu können), dann wird der Skeptiker im Verschwörungstheoretiker wach und er sucht mit Verve nach weiteren „Unmöglichkeiten“, die ihn in seinem Skeptizismus bestärken. Unstimmigkeiten finden sich allerdings an sehr vielen Orten, da es genügt, dass der Verschwörungstheoretiker die Zusammenhänge nicht versteht. Ist der Zweifel aber einmal geweckt, finden sich immer weitere Bestätigungen für diesen Zweifel, der im Falle von der Ermordung von John F. Kennedy vielleicht tatsächlich berechtigt ist. Allerdings finden sich unter den Aussagen von Jack Ruby auch viele Stellen, welche sehr stark darauf hindeuten – dass zumindest Ruby ein Einzeltäter gewesen ist (vgl. »Wikipedia)
Wirklich problematisch ist aber vor allem der zweite Schritt. Ist man einmal davon überzeugt, dass die „offizielle“ Version (Einzeltäter) nicht stimmen kann, wird spekuliert, was das Zeug hält. Wer könnte ein Motiv am Mord gehabt haben? Reaktionäre Strömungen innerhalb der US-Regierung, die den Demokraten Kennedy los werden wollten? Die Mafia? Fidel Castro? Die Juden?  
Beim Attentat auf John F. Kennedy scheinen weiterhin viele Fragen offen zu sein, allerdings konnte nie nachvollziehbar gezeigt werden, welche „Verschwörer“ für den Mord verantwortlich gewesen sein könnten. Während manche Zweifel durchaus berechtigt sind und sich die Rolle von Regierungen oder anderen machtvollen Organisationen sicherlich in Frage stellen lässt, fehlen Beweise für die Involvierung mächtiger Organisationen. Es handelt sich dabei um pure Spekulationen, die zwar oftmals Sinn ergeben und manchmal in der Tat überzeugender wirken als die „offizielle“ Version. Doch nur weil etwas überzeugend tönt, muss das noch lange nicht bedeuten, dass es auch der Wahrheit entspricht. Es hätte zwar auch anders gewesen sein können – doch bedeutet dies nicht, dass es auch anders gewesen ist – und vor allem: dass es so gewesen ist, wie die Verschwörungstheoretiker spekulieren.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.